© Philipp Reinhard

Die Mobil­ma­cher

Für eine gute Idee zerlegen Sieg­fried und Peter Herr­mann schon mal den heiß geliebten Golf­trolley, um mit den Einzel­teilen zu basteln. Heraus­ge­kommen ist dabei ein Rollator mit Elek­tro­an­trieb. Damit machen die Reut­linger Tüftler Senioren und Reha­pa­ti­enten mobil.


„Baden-Würt­tem­berg. Where ideas work.“ So steht es auf der Kaffee­tasse mit Landes­wappen, aus der Peter Herr­mann gerade einen Schluck nimmt. Er sitzt in seinem Büro. Neben dem Schreib­tisch mit der Baden-Würt­tem­berg-Flagge steht ein Kinder­bett für Tage, an denen der Nach­wuchs mit zur Arbeit kommt. Schnell wird deut­lich: Hier ist ein schwä­bi­sches Fami­li­en­un­ter­nehmen am Start. „Wir sind eigent­lich ein klas­si­scher System­dienst­leister für große Medizin­technik­unter­nehmen“, sagt der Bemotec-Juni­or­chef dann auch mit schwä­bi­schem Akzent. Sein Vater Sieg­fried Herr­mann hat das Unter­nehmen in der Garage gegründet und auf heute 60 Mitar­beiter ausge­baut. So weit eine ziem­lich klas­si­sche Geschichte, wie sie zahl­reiche Mittel­ständler erzählen können. Doch Peter Hermann hat noch eine beson­dere Story in petto. Er hat ein Start-up gegründet, um ein eigenes Produkt auf den Markt zu bringen: einen Rollator mit Elek­tro­an­trieb, den „beac­tive +e“.

Tüftel-Leiden­schaft

Eigent­lich beginnt die Geschichte auf dem Golf­platz. „Als begeis­terter Golf­spieler besitzt mein Vater einen Trolley mit Elek­tro­motor“, erzählt Peter Herr­mann. „Auf der Heim­fahrt vom Golfen über­legte er, dass so ein Antrieb auch an einem Rollator möglich sein müsste. Die Mobi­lität von Senioren beschäf­tigte ihn schon länger.“ Der Tüftler in Sieg­fried Herr­mann war geweckt. Zu Hause musste darum sein geliebter Trolley daran glauben. „Den haben wir ausein­an­der­ge­baut, im lokalen Sani­täts­haus einen klas­si­schen AOK-Porsche geholt, die Rädle wegmon­tiert und die Steue­rung des Trol­leys dran­ge­baut“, erin­nert sich sein Sohn und muss lachen. Schnell war klar: Die Idee ist gut, die Umset­zung aber nicht ganz so einfach. Die Rohr­kon­struk­tion des Stan­dard­rol­la­tors erwies sich als zu instabil und die Bedie­nung für ältere Menschen als zu kompli­ziert.

Durch­dachte Details

Eine zufäl­lige Begeg­nung rettete das Projekt: Auf den Inno­va­ti­ons­tagen der örtli­chen Indus­trie- und Handels­kammer traf Peter Herr­mann auf die Tricon Design AG. Das Unter­nehmen ist auf Trans­por­ta­tion Design spezia­li­siert und gestal­tete unter anderem die U-Bahnen in Hamburg und Schanghai. „Mir war gleich klar: Mit denen müssen wir spre­chen!“ Damit nahm der E-Rollator so richtig Fahrt auf. Gemeinsam mit den Experten erar­bei­tete Bemotec eine Design-Studie. Antrieb, Ergo­nomie und Bedien­aspekte standen dabei beson­ders im Fokus.

„Ich dachte mir, ein Antrieb wie bei meinem Golf­trolley müsste auch an einem Rollator möglich sein.“
Sieg­fried Herr­mann, Bemotec

Für das Team war das weitest­ge­hend Neuland. „Bei unseren Kunden­auf­trägen steigen wir erst zu einem späteren Punkt ein und müssen uns mit grund­sätz­li­chen Fragen nicht beschäf­tigen“, erklärt Peter Herr­mann. Drei oder vier Räder? Wie machen wir den Rollator stabil? Wie muss der perfekte Griff aussehen? Auf diese Fragen suchten die Entwickler Antworten. Das Ergebnis: vier Räder, ein stabiler Rahmen aus recht­eckigen Rohren und ein ergo­no­mi­scher Griff.

Zwischen 3.000 und 3.500 Euro kostet der „beac­tive +e“, 20 Kilo bringt er auf die Waage — und sieht ziem­lich futu­ris­tisch aus, wenn er leise schnur­rend ins Zimmer rollt. „Er soll aber nicht wie ein Tech­nik­wunder daher­kommen, denn ältere Menschen lassen sich davon schnell abschre­cken“, merkt der Juni­or­chef an. Darum steckt die Technik komplett unter der Haube.

Starke Stütze für die Therapie

„Baden-Würt­tem­berg. Where ideas work.“ Dieses Motto nahm sich der Bemotec-Juni­or­chef mit schwä­bi­schem Akzent zu Herzen (Foto: Philipp Rein­hard)

Die Stabi­lität des Rahmens ist für Herr­manns größte Kunden­gruppe beson­ders wichtig: „Wir sind momentan zu 80 Prozent in der Therapie unter­wegs“, erklärt er. „Schlag­an­fall-, Multiple-Skle­rose- oder Parkinson-Pati­enten leiden häufig unter Gleich­ge­wichts­stö­rungen und die Betrof­fenen haben einen unsi­cheren Gang. Da ist ein Leicht­ge­wicht-Rollator genau das Falsche.“

Beim Antrieb entschied sich das Bemotec-Team für einen EC-Motor von ebm-papst ZEITLAUF mit Winkel­ge­triebe. Das passten die Spezia­listen auf die indi­vi­du­ellen Anfor­de­rungen der Reut­linger an. Denen lag ein opti­maler Leicht­lauf beson­ders am Herzen. „Pati­enten oder Rentner müssen den Rollator ja auch ohne Motor­un­ter­stüt­zung fahren können. Mit dem ange­passten Winkel­ge­triebe geht das problemlos. Man hört ganz leise, dass es mitläuft, spürt es aber nicht“, erklärt der Juni­or­chef. „Aufgrund der Reich­weite war auch die Ener­gie­ef­fi­zienz entschei­dend.“

Der Akku hat eine Lauf­zeit von bis zu zehn Stunden. Einen kompletten Thera­pietag hält der Rollator also ohne Strom­tanken zuver­lässig durch. Dank seinem kompakten Design ließ sich der Motor außerdem einfach in das Gestell des Rolla­tors inte­grieren, ohne den Bewe­gungs­frei­raum des Anwen­ders einzu­schränken. Die einzelnen Kompo­nenten wählten Herr­mann und seine Entwickler aus dem ebm-papst Baukasten aus. Für sie war das eine einfache und komfor­table Lösung.

Passt sich auto­ma­tisch an

Je nach Tages­ver­fas­sung und Gelände können die Nutzer drei unter­schied­liche Geschwin­dig­keiten auswählen. Thera­peuten haben außerdem die Möglich­keit, indi­vi­du­elle Trai­nings­pro­gramme abzu­bilden. Einmal program­miert, sind diese auf einem inte­grierten RFID-Chip gespei­chert. Über eine Karte stellt sich der Rollator damit berüh­rungslos auf den jewei­ligen Pati­enten ein. Vor allem für Menschen mit halb­sei­tigen Lähmungen bietet das völlig neue Möglich­keiten, wie Herr­mann erklärt: „Mit einem normalen Rollator würden sie immer im Kreis gehen. Wir können dagegen für jedes Rad einzeln einstellen, wie schnell es ange­trieben wird.“

Das sind die Features des „beac­tive +e“ von Bemotec

Bei der ergo­no­mi­schen Gestal­tung und tech­ni­schen Ausle­gung mussten die Tüftler die Vorgaben für eine TÜV-Zerti­fi­zie­rung berück­sich­tigen. „Jede Ände­rung wirkt sich direkt auf die Zulas­sung des Produkts aus“, erklärt Herr­mann. Und die nahm er ernst: „Bei einem Medi­zin­pro­dukt der Klasse 1 kann man sich die Zulas­sung eigent­lich auch selbst ausstellen. Wir sind da aber schwä­bisch und möchten auch weiterhin in Ruhe schlafen können. Darum waren wir wir uns einig, dass das Hand und Fuß haben muss und haben von Beginn an mit dem TÜV Süd zusam­men­ge­ar­beitet.“

Mit einem Produkt, das es bisher noch nicht gab, gestal­tete sich das teil­weise schwierig: Es gibt zwar eine Norm für einen Elek­troroll­stuhl und eine Norm für einen normalen Rollator. Der Rollator von Bemotec ist aber irgendwie beides. „Mit der eigent­li­chen Entwick­lung waren wir in zwei Jahren fertig, die Zulas­sung hat uns aber noch ein weiteres Jahr gekostet.“

Gewagt und gewonnen

Auf Nummer sicher konnte der Bemotec-Geschäfts­führer aber nicht immer gehen. „Aus Design­schutz­gründen haben wir unsere Proto­typen schon sehr früh auf Messen gezeigt. Denn wir wussten, wenn wir jetzt nicht auf den Markt gehen, dann tut es ein anderer — und wir wollten die Ersten sein“, sagt er. Der Messe­auf­tritt auf der Reha­care in Düssel­dorf sollte 2013 darüber entscheiden, ob Bemotec das Projekt Rollator weiter­ver­folgt oder nicht. „Die Besu­cher haben uns über­rannt, das war verrückt“, erzählt Peter Herr­mann immer noch beein­druckt. „Da war es gar keine Frage mehr, ob wir weiter­ma­chen oder nicht. Manchmal muss man solche unter­neh­me­ri­schen Risiken in Kauf nehmen. Bei uns hat es funk­tio­niert.“

Aller­dings, so gibt er zu, sei die Ausgangs­lage auch etwas komfor­ta­bler gewesen als bei anderen Start-ups, die kein Unter­nehmen im Hinter­grund haben, das sie finan­ziell unter­stützt. „Die müssen ihr Geld knall­hart zusam­men­sam­meln. Wir sind stolz darauf, dass wir diese Entwick­lung im Millio­nen­be­reich aus eigener Kraft gestemmt haben“, betont er. „Wir haben dafür keine Forschungs- und Entwick­lungs­gelder erhalten. Für uns war von Anfang an klar: Wenn wir etwas entwi­ckeln, dann machen wir das selbst.“

„Mit der eigent­li­chen Entwick­lung waren wir in zwei Jahren fertig, die Zulas­sung hat uns aber noch ein weiteres Jahr gekostet.“
Peter Herr­mann, Bemotec

Warum hat er dann über­haupt ein Start-up gegründet ? „Es ging uns darum, die Geschwin­dig­keit zu behalten. So hatten wir eine kleine Gruppe inner­halb des Unter­neh­mens, die völlig unab­hängig vom Tages­ge­schäft an dem Produkt arbeitet. Wir wären lang­samer gewesen, wenn wir das nicht gemacht hätten.“ Unter der Start-up-Marke „bemo­bile“ hat neben dem „beac­tive +e“ auch der Sofa­lift „belifted“ ein Zuhause gefunden — eine weitere Produkt­ent­wick­lung der Reut­linger Tüftler. Mit dem modernen Marken­kon­zept möchte Peter Herr­mann weg vom verstaubten Rollator-Image. Das unter­strei­chen auch tech­ni­sche Features: Für die modernen Senioren von heute ist der „beac­tive +e“ beispiels­weise mit einer USB-Lade­buchse ausge­stattet, an der sie ihr Smart­phone laden können.

Bald autonom unter­wegs

Dank opti­malem Leicht­lauf können Pati­enten oder Rentner den Rollator auch ohne Motor­un­ter­stüt­zung einfach fahren. Tüftler Peter Herr­mann zeigt, wie es geht. (Foto: Philipp Rein­hard)

Gemeinsam mit Univer­si­täten und Forschungs­ein­rich­tungen arbeitet Bemotec bereits an weiteren Neue­rungen. „Der Rollator erkennt heute schon Treppen, stoppt, gibt akus­ti­sche Signale und dreht wieder um. Völlig autonom!“, sagt der Geschäfts­führer nicht ohne Stolz. „Er kann auch sehen, ob eine Ampel rot oder grün ist.“ Seri­en­reif ist die Anwen­dung momentan noch nicht. Gemeinsam mit der Univer­sität Tübingen arbeiten die Entwickler daran, dass sich das bald ändert. Wie nah die Wissen­schaftler am Produkt arbeiten, beein­druckt ihn dabei beson­ders: „Da kommen keine millio­nen­schweren Sensoren zum Einsatz, sondern sie suchen ständig nach noch güns­ti­geren Lösungen, die man später auch in der Serie einsetzen kann.“

Der Tüftler im stillen Kämmer­chen war gestern, Vernet­zung ist die Zukunft, davon ist Peter Herr­mann über­zeugt. Darum setzt er auf lokalen Know-how-Austausch, wie etwa mit Bosch E-Bike-Systems, die im benach­barten Gewer­be­ge­biet derzeit eine komplette E-Bike-City hoch­ziehen. „Man muss sich öffnen und gibt dadurch natür­lich auch immer ein Stück weit Know-how preis, aber nur so kann man solch ein Projekt nach­haltig auf die Beine stellen.“

Neue Wege geht er auch mit einer eignen App, über die sich der Rollator steuern und program­mieren lässt. „Im Endkun­den­be­reich spielt Digi­ta­li­sie­rung eine noch viel größere Rolle als im Maschi­nenbau“, erklärt er und fügt lachend hinzu: „Mein Vater sagt immer, wenn hier mal mehr Program­mierer sitzen als Inge­nieure, dann wird es unheim­lich.“ Der hat sich übri­gens mitt­ler­weile wieder einen neuen Golf­trolley gekauft — natür­lich mit Elek­tro­an­trieb. 

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