Herr Geißdörfer, von Krieg in der Ukraine über eine schwächelnde Wirtschaft bis zu turbulenten transatlantischen Beziehungen erleben wir gerade viele Krisen gleichzeitig. Wie gehen Sie persönlich damit um?
In solchen Zeiten ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren. Ich informiere mich bewusst nur einmal am Tag über die Nachrichtenlage und lasse mir zwei, drei Tage Zeit, um Themen einzuordnen. In meiner Rolle darf ich nicht sprunghaft agieren, sondern muss mit einem kühlen Kopf nachhaltige Entscheidungen treffen.
Wie steht denn ebm-papst aktuell wirtschaftlich da?
Unsere Geschäfte entwickeln sich wieder positiv, was mir zeigt: Wir haben frühzeitig strategisch die richtigen Weichen gestellt. Und die Transformation trägt jetzt Früchte. Unsere „local-for-local“-Strategie, die wir vor Jahren begonnen haben, hilft uns sehr dabei: Durch unsere Lokalisierung sind wir heute resilienter. Das ist ein gutes Gefühl, auf dem wir uns aber nicht ausruhen dürfen, sondern weiter konsequent nach vorne gehen müssen. Denn die geopolitischen Verschiebungen stellen uns vor neue Herausforderungen – etwa weil sich Endmärkte aus Europa heraus nach Asien und in die USA verlagern. Das hat direkte Auswirkungen auf unsere Kapazitätsauslastung in Europa und wir denken darüber nach, wie wir diese freien Volumen strategisch nutzen können.
Sie sprechen die Transformation an – wie gut passt Ihre Strategie noch zur aktuellen Lage?
Sehr gut. Vor drei Jahren haben wir die richtigen Entscheidungen getroffen: Der Ausstieg aus dem Automobil-Geschäft hat sich als richtig erwiesen. Hier haben wir inzwischen das Volumen halbiert und erfüllen noch unsere Restverpflichtungen gegenüber den Kunden. Der Verkauf der Antriebstechnik ist eine Win-Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Dieser Bereich kann sich unter Siemens viel besser entwickeln. Der Fokus auf unsere Kernkompetenzen in der Luft- und Heiztechnik bringt uns stark voran.

Viele Unternehmen sparen in der Krise – Sie investieren. Warum?
Weil wir überzeugt sind von unserem Kurs. Wir setzen auf Zukunftsthemen und schaffen gleichzeitig lokale Resilienz. Wir investieren gezielt in zukunftsträchtige Märkte wie Datencenter, in den Ausbau unserer Innovationen und in neue Technologien. Beispiele dafür sind das HighSpeed-Technikum oder das E-Drive Solution Lab. Das Ergebnis: Wir bringen derzeit so viele neue Produkte auf den Markt wie nie zuvor. Unsere Innovationspipeline ist wieder prall gefüllt. Ich wünsche mir zwar, dass wir in der Umsetzung noch schneller werden – aber wir sind auf einem sehr guten Weg.
Worauf konzentrieren Sie sich bei den Technologien?
Wir denken über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg. Ziel ist es, schneller zu entwickeln, energieeffizientere Produkte zu liefern, unseren Technologievorsprung weiter auszubauen und so die Lufttechnik in ein neues Zeitalter zu führen. Bester Beweis dafür ist unser digitales Ökosystem NEXAIRA. Da laufen aktuell bereits die ersten konkreten Kundenprojekte – und von denen bekommen wir übrigens auch sehr gutes Feedback. Aber natürlich bringen wir auch in unseren klassischen Märkten neue, starke Produkte: hocheffiziente und intelligente Ventilatoren.

Wer Treiber der Innovation sein will, muss den ersten Schritt machen – und wir verstehen uns als Partner auf diesem Weg.
Klaus Geißdörfer, CEO ebm-papst Gruppe
Zahlt sich angesichts der globalen Handelssituation jetzt aus, dass Sie schon früh auf Glokalisierung gesetzt haben?
Definitiv. Die geopolitischen Entwicklungen machen unsere local-for-local-Strategie noch relevanter. Deshalb bauen wir neue Werke, etwa im rumänischen Oradea, im chinesischen Xi‘an und im indischen Chennai. In Asien gewinnen wir Marktanteile, in den USA arbeiten wir an der Kapazitätsgrenze. Auch in Europa sind wir im Bereich Rechenzentren voll ausgelastet und erweitern Kapazitäten. Beim Thema Wärmepumpe spüren wir leider noch immer die Nachwirkungen des Gebäudeenergiegesetzes. Und beim Segment für Wohnraumlüftung konnten wir den Marktrückgang im Bausektor noch nicht kompensieren. Aber durch unsere Innovationen versetzen wir uns in die Lage, auch hier wieder Marktanteile zu gewinnen.
Wie geht es regional weiter – wo setzen Sie künftig den Fokus?
Unsere Entwicklung in Asien läuft gut, jetzt kommt der nächste logische Schritt in den USA. Dort planen wir weitere lokale Produktionskapazitäten. Das bedeutet für unsere Kunden: schnellere Lieferzeiten, verlässliche Lieferketten und effizientere Produkte am Markt.
Ein anderes großes Thema: Künstliche Intelligenz. Wie positioniert sich ebm-papst in diesem Bereich?
KI ist für uns ein zentrales Zukunftsthema. Wir setzen sie gezielt in unseren Produkten ein, um Energieverbräuche zu optimieren oder die Zuverlässigkeit weiter zu erhöhen, und nutzen sie in der Prozesssteuerung, im Wissensmanagement, in der Kommunikation und darüber hinaus. Wir schulen unsere Mitarbeitenden umfassend und praxisnah. KI ist kein Einzelprojekt – sie durchdringt unsere gesamte Organisation.
Sie engagieren sich auch im Innovation Park Artificial Intelligence (IPAI) in Heilbronn. Was bringt das konkret?
Der IPAI bietet uns Zugang zu Experten, zu Talenten und zu einem starken Netzwerk. Wir arbeiten dort beispielsweise mit der Bechtle AG an generativer KI und profitieren auch bei übergreifenden Fragestellungen wie rechtssicheren Anwendungen oder Systemarchitekturen. Es ist ein echter Glücksfall, so ein KI-Zentrum direkt vor der Haustür zu haben.
Ich glaube fest daran, dass Europa gerade eine historische Chance hat. Mit KI und Digitalisierung können wir wieder in eine Führungsrolle kommen – wenn wir unsere Stärken bündeln.
Klaus Geißdörfer, CEO ebm-papst Gruppe
Welche Vorteile haben Ihre Kunden davon?
Unsere Produkte werden intelligenter und energieeffizienter – das senkt den Energieverbrauch beim Kunden erheblich. Durch die Digitalisierung können wir Entwicklungszeiten verkürzen und neue Services anbieten, auch rein digitale. Wie man an NEXAIRA sieht, ist das alles längst keine Zukunftsmusik mehr. Unsere Kunden profitieren schon heute davon.
Und wenn Sie sich etwas von Ihren Kunden wünschen dürften, was wäre das?
Mehr Mut. Vor allem, um neue Technologien auszuprobieren. Viele zögern noch – aus Sorge, sich zu sehr an uns zu binden oder weil sie sich fragen, ob die Innovationen wirklich funktionieren und den versprochenen Mehrwert bringen. Dabei sehen wir: Die Kunden, die früh einsteigen, haben einen Wettbewerbsvorteil und sind heute am erfolgreichsten. Wer Treiber der Innovation sein will, muss den ersten Schritt machen – und wir verstehen uns als Partner auf diesem Weg.
Gibt es etwas, das Ihnen über all diese Themen hinaus besonders wichtig ist?
Ja. Ich glaube fest daran, dass Europa gerade eine historische Chance hat. Mit KI und Digitalisierung können wir wieder in eine Führungsrolle kommen – wenn wir unsere Stärken bündeln: exzellente Forschung, tolle Talente, starke Werte. Wir müssen unser Know-how in Produkte und Geschäftsmodelle übersetzen. Dafür braucht es Mut, Zusammenarbeit und den festen Willen, Europa als dritte globale Kraft neben den USA und China zu positionieren.
Viele Menschen haben Vorbehalte gegenüber KI. Was entgegnen Sie denen?
Angst vor neuer Technologie ist verständlich – und historisch nichts Neues. Wichtig ist, dass wir verantwortungsvoll mit KI umgehen. Ja, es gibt Missbrauchsmöglichkeiten – etwa durch Deepfakes oder in der Konsumentenmanipulation. Aber bei uns im Unternehmen setzen wir KI in Produkten und Prozessen gezielt und ethisch ein. Wir brauchen keine Angst, sondern Kompetenz, Verantwortung – und die Bereitschaft, diese neue Technologie aktiv zu gestalten.

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