„Mut zahlt sich aus“

Dr. Klaus Geiß­dörfer, CEO von ebm-papst, über Inves­ti­tionen in der Krise, stra­te­gi­sche Weit­sicht und warum Europa jetzt vor einer histo­ri­schen Chance steht.


Herr Geiß­dörfer, von Krieg in der Ukraine über eine schwä­chelnde Wirt­schaft bis zu turbu­lenten trans­at­lan­ti­schen Bezie­hungen erleben wir gerade viele Krisen gleich­zeitig. Wie gehen Sie persön­lich damit um?

In solchen Zeiten ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren. Ich infor­miere mich bewusst nur einmal am Tag über die Nach­rich­ten­lage und lasse mir zwei, drei Tage Zeit, um Themen einzu­ordnen. In meiner Rolle darf ich nicht sprung­haft agieren, sondern muss mit einem kühlen Kopf nach­hal­tige Entschei­dungen treffen.

Wie steht denn ebm-papst aktuell wirt­schaft­lich da?

Unsere Geschäfte entwi­ckeln sich wieder positiv, was mir zeigt: Wir haben früh­zeitig stra­te­gisch die rich­tigen Weichen gestellt. Und die Trans­for­ma­tion trägt jetzt Früchte. Unsere „local-for-local“-Strategie, die wir vor Jahren begonnen haben, hilft uns sehr dabei: Durch unsere Loka­li­sie­rung sind wir heute resi­li­enter. Das ist ein gutes Gefühl, auf dem wir uns aber nicht ausruhen dürfen, sondern weiter konse­quent nach vorne gehen müssen.  Denn die geopo­li­ti­schen Verschie­bungen stellen uns vor neue Heraus­for­de­rungen – etwa weil sich Endmärkte aus Europa heraus nach Asien und in die USA verla­gern. Das hat direkte Auswir­kungen auf unsere Kapa­zi­täts­aus­las­tung in Europa und wir denken darüber nach, wie wir diese freien Volumen stra­te­gisch nutzen können.

Sie spre­chen die Trans­for­ma­tion an – wie gut passt Ihre Stra­tegie noch zur aktu­ellen Lage?

Sehr gut. Vor drei Jahren haben wir die rich­tigen Entschei­dungen getroffen: Der Ausstieg aus dem Auto­mobil-Geschäft hat sich als richtig erwiesen. Hier haben wir inzwi­schen das Volumen halbiert und erfüllen noch unsere Rest­ver­pflich­tungen gegen­über den Kunden. Der Verkauf der Antriebs­technik ist eine Win-Win-Win-Situa­tion für alle Betei­ligten. Dieser Bereich kann sich unter Siemens viel besser entwi­ckeln. Der Fokus auf unsere Kern­kom­pe­tenzen in der Luft- und Heiz­technik bringt uns stark voran.

Viele Unter­nehmen sparen in der Krise – Sie inves­tieren. Warum?

Weil wir über­zeugt sind von unserem Kurs. Wir setzen auf Zukunfts­themen und schaffen gleich­zeitig lokale Resi­lienz. Wir inves­tieren gezielt in zukunfts­träch­tige Märkte wie Daten­center, in den Ausbau unserer Inno­va­tionen und in neue Tech­no­lo­gien. Beispiele dafür sind das High­Speed-Tech­nikum oder das E-Drive Solu­tion Lab. Das Ergebnis: Wir bringen derzeit so viele neue Produkte auf den Markt wie nie zuvor. Unsere Inno­va­ti­ons­pipe­line ist wieder prall gefüllt. Ich wünsche mir zwar, dass wir in der Umset­zung noch schneller werden – aber wir sind auf einem sehr guten Weg.

Worauf konzen­trieren Sie sich bei den Tech­no­lo­gien?

Wir denken über den gesamten Produkt­le­bens­zy­klus hinweg. Ziel ist es, schneller zu entwi­ckeln, ener­gie­ef­fi­zi­en­tere Produkte zu liefern, unseren Tech­no­lo­gie­vor­sprung weiter auszu­bauen und so die Luft­technik in ein neues Zeit­alter zu führen. Bester Beweis dafür ist unser digi­tales Ökosystem NEXAIRA. Da laufen aktuell bereits die ersten konkreten Kunden­pro­jekte – und von denen bekommen wir übri­gens auch sehr gutes Feed­back. Aber natür­lich bringen wir auch in unseren klas­si­schen Märkten neue, starke Produkte: hoch­ef­fi­zi­ente und intel­li­gente Venti­la­toren.

Wer Treiber der Inno­va­tion sein will, muss den ersten Schritt machen – und wir verstehen uns als Partner auf diesem Weg.

Klaus Geiß­dörfer, CEO ebm-papst Gruppe

Zahlt sich ange­sichts der globalen Handels­si­tua­tion jetzt aus, dass Sie schon früh auf Gloka­li­sie­rung gesetzt haben?

Defi­nitiv. Die geopo­li­ti­schen Entwick­lungen machen unsere local-for-local-Stra­tegie noch rele­vanter. Deshalb bauen wir neue Werke, etwa im rumä­ni­schen Oradea, im chine­si­schen Xi‘an und im indi­schen Chennai. In Asien gewinnen wir Markt­an­teile, in den USA arbeiten wir an der Kapa­zi­täts­grenze. Auch in Europa sind wir im Bereich Rechen­zen­tren voll ausge­lastet und erwei­tern Kapa­zi­täten. Beim Thema Wärme­pumpe spüren wir leider noch immer die Nach­wir­kungen des Gebäu­de­en­er­gie­ge­setzes. Und beim Segment für Wohn­raum­lüf­tung konnten wir den Markt­rück­gang im Bausektor noch nicht kompen­sieren. Aber durch unsere Inno­va­tionen versetzen wir uns in die Lage, auch hier wieder Markt­an­teile zu gewinnen.

Wie geht es regional weiter – wo setzen Sie künftig den Fokus?

Unsere Entwick­lung in Asien läuft gut, jetzt kommt der nächste logi­sche Schritt in den USA. Dort planen wir weitere lokale Produk­ti­ons­ka­pa­zi­täten. Das bedeutet für unsere Kunden: schnel­lere Liefer­zeiten, verläss­liche Liefer­ketten und effi­zi­en­tere Produkte am Markt.

Ein anderes großes Thema: Künst­liche Intel­li­genz. Wie posi­tio­niert sich ebm-papst in diesem Bereich?

KI ist für uns ein zentrales Zukunfts­thema. Wir setzen sie gezielt in unseren Produkten ein, um Ener­gie­ver­bräuche zu opti­mieren oder die Zuver­läs­sig­keit weiter zu erhöhen, und nutzen sie in der Prozess­steue­rung, im Wissens­ma­nage­ment, in der Kommu­ni­ka­tion und darüber hinaus. Wir schulen unsere Mitar­bei­tenden umfas­send und praxisnah. KI ist kein Einzel­pro­jekt – sie durch­dringt unsere gesamte Orga­ni­sa­tion.

Sie enga­gieren sich auch im Inno­va­tion Park Arti­fi­cial Intel­li­gence (IPAI) in Heil­bronn. Was bringt das konkret?

Der IPAI bietet uns Zugang zu Experten, zu Talenten und zu einem starken Netz­werk. Wir arbeiten dort beispiels­weise mit der Bechtle AG an gene­ra­tiver KI und profi­tieren auch bei über­grei­fenden Frage­stel­lungen wie rechts­si­cheren Anwen­dungen oder System­ar­chi­tek­turen. Es ist ein echter Glücks­fall, so ein KI-Zentrum direkt vor der Haustür zu haben.

Ich glaube fest daran, dass Europa gerade eine histo­ri­sche Chance hat. Mit KI und Digi­ta­li­sie­rung können wir wieder in eine Führungs­rolle kommen – wenn wir unsere Stärken bündeln.

Klaus Geiß­dörfer, CEO ebm-papst Gruppe

Welche Vorteile haben Ihre Kunden davon?

Unsere Produkte werden intel­li­genter und ener­gie­ef­fi­zi­enter – das senkt den Ener­gie­ver­brauch beim Kunden erheb­lich. Durch die Digi­ta­li­sie­rung können wir Entwick­lungs­zeiten verkürzen und neue Services anbieten, auch rein digi­tale. Wie man an NEXAIRA sieht, ist das alles längst keine Zukunfts­musik mehr. Unsere Kunden profi­tieren schon heute davon.

Und wenn Sie sich etwas von Ihren Kunden wünschen dürften, was wäre das?

Mehr Mut. Vor allem, um neue Tech­no­lo­gien auszu­pro­bieren. Viele zögern noch – aus Sorge, sich zu sehr an uns zu binden oder weil sie sich fragen, ob die Inno­va­tionen wirk­lich funk­tio­nieren und den verspro­chenen Mehr­wert bringen. Dabei sehen wir: Die Kunden, die früh einsteigen, haben einen Wett­be­werbs­vor­teil und sind heute am erfolg­reichsten. Wer Treiber der Inno­va­tion sein will, muss den ersten Schritt machen – und wir verstehen uns als Partner auf diesem Weg.

Gibt es etwas, das Ihnen über all diese Themen hinaus beson­ders wichtig ist?

Ja. Ich glaube fest daran, dass Europa gerade eine histo­ri­sche Chance hat. Mit KI und Digi­ta­li­sie­rung können wir wieder in eine Führungs­rolle kommen – wenn wir unsere Stärken bündeln: exzel­lente Forschung, tolle Talente, starke Werte. Wir müssen unser Know-how in Produkte und Geschäfts­mo­delle über­setzen. Dafür braucht es Mut, Zusam­men­ar­beit und den festen Willen, Europa als dritte globale Kraft neben den USA und China zu posi­tio­nieren.

Viele Menschen haben Vorbe­halte gegen­über KI. Was entgegnen Sie denen?

Angst vor neuer Tech­no­logie ist verständ­lich – und histo­risch nichts Neues. Wichtig ist, dass wir verant­wor­tungs­voll mit KI umgehen. Ja, es gibt Miss­brauchs­mög­lich­keiten – etwa durch Deepf­akes oder in der Konsu­men­ten­ma­ni­pu­la­tion. Aber bei uns im Unter­nehmen setzen wir KI in Produkten und Prozessen gezielt und ethisch ein. Wir brau­chen keine Angst, sondern Kompe­tenz, Verant­wor­tung – und die Bereit­schaft, diese neue Tech­no­logie aktiv zu gestalten.

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