© Matti Immonen

Das Come­back der Tele­fon­zelle

Handys haben das Tele­fo­nieren orts­un­ab­hängig gemacht. Doch der finni­sche Desi­gner Antti Evävaara bringt das Tele­fon­häus­chen zurück — und etabliert es im Groß­raum­büro.


Die Chefin spricht laut­stark in ihren Tele­fon­hörer, der Assis­tent lacht mit einem Kunden und der Kollege gegen­über haut kräftig in die Tasten — fast jeder kennt solche Situa­tionen aus dem Groß­raum­büro. Hier zu tele­fo­nieren oder gar ein vertrau­li­ches Gespräch zu führen, ist ziem­lich mühsam. Da hilft nur eins: ab in die Tele­fon­zelle!

Nein, gemeint sind nicht die kleinen Tele­fon­häus­chen, die heute nur noch selten am Bürger­steig stehen. Es geht um echte Designer­stücke fürs Büro. Genauer gesagt um die „Silence Phone Box“ und die „Silence Stand Box“ von Evavaara Design — der Produkt­linie des Desi­gners Antti Evävaara. Seine Pesä-Sessel mit fünf Beinen schafften es bis ins Design-Museum in Helsinki und machten den Finnen in den 80er-Jahren berühmt.

Möbel­de­si­gner Antti Evävaara mit seinem neuesten Produkt: die Silence Stand Box für kürzeres Tele­fo­nieren im Stehen. (Foto | Matti Immonen)

Seit 2002 entwi­ckelt Evävaara „Silence“-Möbel, die stille Rück­zugs­mög­lich­keiten in Flug­häfen, Hotels, Büche­reien und Groß­raum­büros schaffen. „Heute, da jeder ein Handy hat und offene Büro­räume Trend sind, brau­chen die Menschen Ruhe­zonen, in denen sie unge­stört lesen, tele­fo­nieren oder arbeiten können“, erklärt Evävaara. „Deswegen entwickle ich akus­ti­sche Möbel, die den Lärm draußen lassen.“

Begonnen hat er mit dem „Silence Chair“, von dem heute unter anderem 70 Stück am Frank­furter Flug­hafen stehen. Durch seine gebo­gene Form, das Dach und das Sicher­heits­glas schirmt der Sessel die Person im Sessel völlig von den Geräu­schen in der Umge­bung ab, gleich­zeitig hört draußen keiner ihre Stimme. „Zum längeren Tele­fo­nieren eignet sich der Sessel jedoch nicht optimal, deswegen habe ich einige Jahre später die Phone Box für Groß­raum­büros entwi­ckelt.“

Vier Wände und eine Tür schirmen den Tele­fo­nie­renden ab, ein Stuhl und ein Tisch vervoll­stän­digen den Arbeits­platz. Auf Wunsch inte­griert Evavaara Design auch ein Video­kon­fe­renz­system. Somit eignet sich die Box perfekt zum langen, unge­störten Arbeiten. Wenn die Luft passt.

Venti­la­toren gegen die Müdig­keit

„Der CO2-Gehalt in der Phone Box darf nicht zu hoch werden, sonst werden die Mitar­beiter müde und können sich nicht mehr konzen­trieren“, erklärt der Desi­gner. Deswegen befinden sich Venti­la­toren an der Box, die die Luft regel­mäßig austau­schen. Tests, ob sie auch leis­tungs­stark genug sind, um den CO2-Gehalt niedrig zu halten, hatte es jedoch nicht gegeben. Das änderte sich, als ein Groß­auf­trag vor der Tür stand.

„Anfang des Jahres wendete sich Antti Evävaara an uns und bat uns, den CO2-Gehalt in der Silence Phone Box zu messen“, erin­nert sich Jukka Blåfield, tech­ni­scher Leiter bei ebm-papst Oy in Finn­land. Er kannte das Unter­nehmen vom gemein­samen Versuch, einen Glas­kasten für Raucher zu entwi­ckeln, der an Regu­la­rien schei­terte. „Mit einem Sensor unter­suchten wir, wie sich die Luft­qua­lität verän­dert, wenn eine Person länger in der Box sitzt. Dabei merkten wir, dass der Luft­strom des Venti­la­tors nicht ausreichte, da der Kohlen­­stoff­di­oxid-Wert auf Dauer zu stark stieg.“

„Die Luft wird inner­halb einer Minute komplett ausge­tauscht — und man merkt über­haupt nichts davon.“
Antti Evävaara, Erfinder der „Silence“-Möbel und Geschäfts­führer von Evavaara Design

Folg­lich tauschte ebm-papst den AC-Quer­strom­ven­ti­lator durch einen stär­keren RadiCal Radi­al­ven­ti­lator aus. „Wir passten den Luft­strom des EC-Venti­la­tors so an, dass die Luft­qua­lität gut, aber sein Geräusch gleich­zeitig so leise wie möglich war“, sagt Blåfield. Evävaara lieh sich den Sensor aus, testete den neuen Venti­lator noch ein biss­chen und entschied dann, ihn in die Silence Phone Box zu inte­grieren.

Auch für sein neuestes Produkt, die Silence Stand Box, die für kürzeres Tele­fo­nieren im Stehen konzi­piert ist, setzt er auf den Radi­al­ven­ti­lator. „Die Luft wird inner­halb einer Minute komplett ausge­tauscht und man merkt über­haupt nichts davon“, sagt Evävaara stolz. So können Mitar­beiter lange produktiv arbeiten.

Von Wolle bis Leder

Die Silence Phone Box steht inzwi­schen bei finni­schen Immo­bi­li­en­mak­lern, in Anwalts­kanz­leien mit Geheim­hal­tungs­pflichten und bei Google in London und Paris im Groß­raum­büro. „Googles Exem­plare sind außen blau, haben einen roten Sitz sowie gelbe und grüne Hand­griffe“, erzählt Antti Evävaara. Dem Desi­gner ist es wichtig, dass die Boxen nicht nur funk­tio­nale, sondern auch hoch­wer­tige Möbel sind. „Deswegen können Kunden die Stoffe — von Wolle bis Leder — und Farben für die Phone Box ganz indi­vi­duell auswählen“, sagt er. Die Stand Box gibt es in vielen unter­schied­li­chen Holz­arten.

Inzwi­schen hat der Desi­gner sechs unter­schied­liche „Silence“-­Produkte für verschie­dene Zwecke entworfen. Alle haben eins gemeinsam: Sie sorgen für Harmonie, wo viele Menschen zusam­men­kommen, und machen unsere laute Welt ein biss­chen leiser.

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