© Somniacs SA

„Als Vogel durch Häuserschluchten zu fliegen ist ein ganz besonderer Kick“

Max Rheiner macht den Traum vom Fliegen zur virtuellen Realität. Wie das funktioniert und warum bewegte Luft dabei eine entscheidende Rolle spielt, erklärt der Leiter des Masterstudiengangs Design Interaction an der Züricher Hochschule der Künste im Interview.


Wie sind Sie darauf gekommen, einen Simulator zu bauen, der den Menschen fliegen lässt?

Wir wollten erforschen, wie man die Immersion, also das Eintauchen in die virtuelle Realität, so erweitern kann, dass man den ganzen Körper einbezieht. Dafür benötigten wir eine fiktionale Ausgangsstimmung, sonst simulieren Simulatoren ja meistens Maschinen wie etwa einen Traktor oder ein Flugzeug. Wir wollten einen Simulator bauen, bei dem man nicht merkt, dass man eine Maschine steuert, sondern das Gefühl hat, ein anderes Lebewesen zu sein. Das Fliegen fand ich gestalterisch extrem interessant, da es ein mit vielen Emotionen aufgeladener Menschheitstraum ist und ich mich selbst bereits viel damit beschäftigt habe, etwa durch Gleitschirm- oder Drohnenflüge.

Wie haben Sie das Projekt konkret gestartet?

Max Rheiner, Leiter des Masterstudiengangs Design Interaction an der Züricher Hochschule der Künste

Lustigerweise wurde ich, während ich mir diese Gedanken machte, von einem Vogelschutzverband kontaktiert, der eine Ausstellung zum Thema Vogelflug machen wollte. Also starteten wir ein Projekt, dessen Ziel es war, dank Virtual Reality wie ein Vogel fliegen zu können. Das Wichtigste dabei war, möglichst viele Sinne mit einzubeziehen. Bei Virtual Reality sprechen wir normalerweise Augen und Ohren an, ich wollte unbedingt auch sensomotorische und taktile Erfahrungen einbinden. So legten wir mit einem kleinen Team los und bauten den ersten Prototyp.

Wie funktioniert das System?

Der Nutzer liegt auf dem Bauch auf einer Maschine, die drei Freiheitsgrade hat: Sie kann rauf- und runterfahren und nach vorne, hinten und zur Seite kippen, wenn es in die Kurve geht. Die Arme sind mit Flügeln verbunden, mit denen der Nutzer schlagen kann, um vorwärtszukommen. Die Steuerung erfolgt über die Handgelenke.

Wir haben bewusst auf eine sehr intuitive Steuerung gesetzt, da viele Menschen motorische Schwierigkeiten haben und man nicht die Koordinationsfähigkeiten eines Schlagzeugers erwarten kann. Zudem trägt der Nutzer eine VR-Brille, hat Kopfhörer auf und bekommt über einen Ventilator Fahrtwind auf sich geblasen. Für diese Aufgabe haben wir Ventilatoren von ebm-papst gewählt, da sich ihre Geschwindigkeit anpassen lässt, um unterschiedliche Fluggeschwindigkeiten zu simulieren. Zudem sind sie extrem leise.

Die Simulation der bewegten Luft spielt eine entscheidende Rolle für die Erfahrung auf dem Simulator. Neben dem visuellen Eindruck ist der Luftzug beziehungsweise der Luftwiderstand für den Menschen ein sehr wichtiger Weg, um Geschwindigkeit zu erleben. Das spüren wir sinnlich über die Haut und die Haare.

Welches Feedback haben Sie auf Ihren Prototyp bekommen?

Den ersten Einsatz hatten wir 2014 auf der Ausstellung des Vogelschutzverbands. Dort konnten die Besucher als Rotmilan durch dessen natürliches Habitat fliegen und die Rückmeldungen darauf waren durchweg positiv. Dann bekamen wir auch die Chance, das Projekt im Silicon Valley zu zeigen, ebenfalls ein riesiger Erfolg. Das war gerade die Zeit, als VR noch nicht wirklich auf dem Markt war, sodass das Timing wirklich passte. Es folgten weitere Einladungen, etwa zum Sundance-Festival, zu Forschungskonferenzen und den Filmfestspielen in Cannes.

Ließ sich das alles noch von der Hochschule aus managen?

Nicht wirklich, deshalb gründeten wir 2015 eine eigene Firma namens Somniacs. Der Name ist ein Kunstwort aus „Somnia“, was für Träumen oder Schlafen steht, und „Maniacs“, weil man schon ein bisschen verrückt sein muss, um so etwas zu machen. Damit starteten wir 2016 die kommerzielle Produktion des Simulators, den wir nun „Birdly“ nennen. Zu unseren Kunden zählen heute in erster Linie Forschungsmuseen, zum Beispiel der Vogelkunde, Naturhistorik und Technik. Aber auch Entertainmentparks strecken langsam ihre Fühler in den Bereich VR aus und interessieren sich für unser Produkt.

In welchen Umgebungen können die Kunden fliegen?

Das kommt ganz auf die Kunden an. Wir sind da flexibel, weil wir sowohl die Hard- auch als die Software komplett selbst entwickeln. Für die meisten Simulationen sind wir inzwischen vom Rotmilan auf den Adler umgestiegen, da das international einfach besser funktioniert. Neben Naturlandschaften haben wir schnell auch Städte wie New York und San Francisco abgebildet und wollen das in Zukunft noch mehr machen. Als Vogel durch die Häuserschluchten zu fliegen ist schon ein ganz anderer Kick, als über Bäume und Felder zu gleiten.

Wie involviert sind Sie heute noch bei Somniacs?

Ich jongliere das etwas, um die Arbeit im Unternehmen und an der Uni gut unter einen Hut zu bekommen. Inzwischen habe ich auch den Studienbereich, den ich leite, etwas umgeformt. Der Master ist jetzt ganz stark auf immersive Erlebnisse fokussiert, weil ich glaube, dass das ein riesiger, interessanter Markt ist. Gleichzeitig ist es ein spannendes gesellschaftliches und technologisches Phänomen. Dabei geht es nicht nur um VR, sondern auch um Augmented Reality, also eine Überlagerung der Realität mit virtuellen Elementen. Solche Überlegungen benötigen neben der Gestaltung und Konzeption ja auch eine Menge technisches Know-how.

Welche Rolle spielt das für Sie?

Mir ist wichtig, dass man gerade an einer Gestalterschule Einblicke in die Technologie bekommt. Und zwar nicht nur als Selbstzweck oder Form der Problemlösung, sondern als Ausdrucksform. Wenn ich Technologie nutze, kann ich ein Problem lösen, also von A nach B kommen, aber ich kann eben auch das Fahrgefühl gestalten, also bestimmen, wie ich von A nach B komme. Das braucht dann beides: Technologie und Gestaltung. Im Bezug auf den Birdly gefällt mir da ein Zitat des Flugpioniers Otto von Lilienthal sehr gut. Es lautet sinngemäß: „Eine Flugmaschine zu erfinden bedeutet wenig; sie zu bauen schon mehr; aber sie zu fliegen, das ist das Entscheidende.“ Es geht einfach um das Gefühl des Fliegens, alles andere ist zweitrangig.

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