© Aclima, Inc.; Raefer Wallis

„Luft geht auch smarter!“

Die Qualität der Luft, die wir atmen, beeinflusst ganz unmittelbar Gesundheit, Produktivität und Wohlbefinden. Trotzdem fristet das Thema ein Nischendasein. Höchste Zeit, das zu ändern, finden die beiden Experten Seema Bhangar und Raefer Wallis.


Wie viel Wasser haben Sie heute schon getrunken? Angenommen, Sie folgen den einschlägigen Empfehlungen, kommen bis zu drei Liter an einem Tag zusammen. Drei Liter Luft wiederum strömen in gerade einmal 20 Sekunden durch Ihre Lunge. Denn in 24 Stunden atmet der Mensch 15.000 Liter Luft. Angesichts dieses Verhältnisses ist es überraschend, wie wenig wir uns im Vergleich mit der Qualität der Luft beschäftigen — zumindest solange es nicht stinkt. Ist die Luft in einem Raum beispielsweise mit Formaldehyd belastet, das aus Möbeln ausgast, handeln die Betroffenen, schlicht weil sie es riechen.

Luftqualität ist unsichtbar

„Die größte Hürde für ein stärkeres Bewusstsein ist sicherlich, dass wir Luftqualität nicht sehen können“, erklärt Dr. Seema Bhangar den psychologischen Hintergrund.

Seema Bhangar hat an der University of California in Berkeley über die Belastung des Menschen durch Luftverschmutzung promoviert, hat als technische Leiterin bei Aclima Innenraumsensoren der nächsten Generation entwickelt und ist seit 2019 Senior Indoor Air Quality Manager bei WeWork. Dort treibt sie den Einsatz neuer Technologien voran, um Gesundheit und Produktivität sowie die Energieeffizienz von Gebäuden zu verbessern. Sie spricht hier als unabhängige Expertin, nicht als offizielle Botschafterin von WeWork.

Bhangar hat an der University of California in Berkeley über die Belastung des Menschen durch Luftverschmutzung promoviert. „Covid-19 hat aber den Schleier der Unsichtbarkeit vom Thema Luftqualität genommen: Das Virus ist zwar nicht physisch sichtbar, aber in unserer Vorstellungskraft.“ An diesem Beispiel werde deutlich, dass es in erster Linie darum gehe, Bewusstsein für die Bedeutung von guter Luft zu schaffen.

Dem stimmt auch Raefer Wallis zu, Gründer und CEO von RESET, dem weltweit ersten Standard für Luftqualität, der auf Echtzeitdaten beruht: „In westlichen Ländern gibt es nur ein schwaches Bewusstsein für Luftqualität. Dort denkt man, das sei ein weit entferntes Problem — von Chinesen oder Indern. SARS-CoV-2 hat das komplett geändert und die Komplexität des Themas aufgezeigt.“

Doch es braucht kein gefährliches Virus, um die negativen Auswirkungen von schlechter Luft in Innenräumen zu belegen. Bei einer zusätzlichen Belastung von 35 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft steigt das Risiko für einen Hirnschlag um 35 Prozent, das für eine Lungenkrebserkrankung um zehn Prozent.

Zugegeben, solche langfristig wirkenden Effekte sind ziemlich abstrakt. Doch auch unmittelbar greifbare Auswirkungen sind belegt: Zum Beispiel kann ein um 400 parts per million höherer CO₂-Gehalt die Produktivität um bis zu 21 Prozent reduzieren. Eine Relation, bei der jeder Arbeitgeber aufhorchen müsste.

Der richtige Maßstab

Allerdings wirken viele Faktoren auf die Luftqua­lität in Innenräumen ein: klimatische Bedingungen wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Umwelteinflüsse von außen, die Anzahl der anwesenden Personen, das Mobiliar, technische Geräte oder die verwendeten Baustoffe. „Für Energie ist es ganz einfach, einen Maßstab zu bestimmen: Es gibt einen gemessenen Verbrauchswert und man setzt das Ziel, diesen Wert zu reduzieren. Luftqualität ist ein viel komplexeres Thema — und es gibt viele verschiedene Maßstäbe“, beschreibt Bhangar die Schwierigkeit, den richtigen Ansatz zu finden. „Deshalb hat fast jede Firma einen Energiemanager, aber so gut wie keine einen ­Manager für Luftqualität.“
Sie verweist auf vier grundsätzliche Prinzi­pien für gute Luftqualität in Innenräumen, die von ihrem ehemaligen Mentor Bill Nazaroff formuliert wurden und eine einfache Kommunikation darüber ermöglichen sollen. Sie lauten: Innenraum-Emissionen minimieren, Gebäude trocken halten, gut lüften, verschmutzte Luft draußen halten.

Vom Wissen zum Handeln

Diese Prinzipien gilt es in effizientes Handeln zu überführen. Dafür braucht es jedoch die richtigen Werkzeuge. „Die Technologie hat sich in den vergangenen Jahren rasend schnell weiterentwickelt“, verweist Bhangar auf Lösungen. „Die Möglichkeit, Dinge zu messen, zu digitalisieren, zu verarbeiten und zu visualisieren, ist jetzt da.“
Willkommen in der Welt von Raefer Wallis. Der gelernte Architekt beschäftigt sich schon seit 15 Jahren mit Standards für Luftqualität in Innenräumen und hat daraus den internationalen RESET-Standard entwickelt.

Raefer Wallis ist Architekt und beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dem Thema Luftqualitäts-Monitoring. Er entwickelte den internationalen Luftqualitätsstandard RESET und ist Gründer und CEO von GIGA, einem Unternehmen, das Projektteams weltweit Tools für die Umsetzung von RESET sowie ein Zertifizierungsprogramm bereitstellt.

„Luftqualität ist kein Do-it-yourself-Thema, dafür ist es viel zu komplex.“ Es gebe so viele verschiedene Variablen, die zum Teil auch noch widersprüchlich seien — wie lüftet man beispielsweise richtig, wenn die Außenluft verschmutzt ist? Da könnten Lösungen ohne Daten nur schwach sein. Doch vor allem im Westen herrsche bei der Kontrolle der Luft in Innenräumen noch „guesstimating“ vor, also grob über den Daumen gepeiltes Regeln. „Das ist vergleichbar mit einem Arzt, der eine Behandlung verschreibt, ohne eine belastbare Diagnose stellen zu können.“
Wallis spricht sich deshalb für intelligente, automatisierte Systeme aus — die er selbst auch einsetzt. „Die meisten Leute wissen nicht, dass die Technologie dafür schon längst verfügbar ist.“ RESET setzt auf die Daten aus Sensoren, die an der Wand montiert werden oder im Lüftungssystem verbaut sind. Hierfür arbeitet Wallis auch mit ebm-papst zusammen, das zum einen Ventilatoren mit zertifizierten Sensoren und zum anderen eine Plattform zum Verarbeiten der Daten anbie­tet. Mit den Sensordaten kann die Luftqualität in Echtzeit analysiert und mithilfe der Plattform anschließend optimiert werden. Wer befürchtet, dafür eine große Investition einplanen zu müssen, den beruhigt Wallis: „Die Geräte, mit denen wir arbeiten, kamen 2008 auf den Markt und sind seit 2016 smart. Die sind inzwischen ausgereift und lassen sich schnell — und kostengünstig — installieren.“
Seema Bhangar betont, dass es aber in erster Linie nicht um Geld gehe: „Es geht darum, Dinge smarter zu machen. Schau dir das Ganze an und verbessere mit diesem Wissen das Bestehende.“

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